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Zeitschriftenartikel:

A. Psenner:
"Es braucht eine Restitution von öffentlichem Raum";
VCÖ-Mobilität mit Zukunft, 2021-02 (2021), 02; S. 5.



Kurzfassung deutsch:
VCÖ-Magazin: Sie haben im Forschungsprojekt Urban Parterre Vienna die Veränderung der Nutzung des "Stadtparterres" in einem ein Kilometer langen Straßenzug in Nebenlage im gründerzeitlichen zentrumsnahen Areal von Wien über den Zeitraum von 1910 bis 2020 untersucht. Mit welchem Ergebnis?

Angelika Psenner: Das Forschungsprojekt befasste sich eingehend mit der Transformation der Wiener Stadtparterre-Struktur und hier vor allem mit den sich gegenseitig bedingenden Aspekten von Unter- und Fremdnutzung. Wenn wir die Gesamtformation des städtischen Parterres, also Erdgeschoß, Straßenraum und Hof als systemische Einheit betrachten und dessen Entwicklung über die Zeit verfolgen, werden die Wechselbeziehungen einzelner Bereiche augenscheinlich: Produzierendes Gewerbe beanspruchte 1910 noch 10,63% der Gesamtfläche1 wobei die zumeist gewerbliche Nutzung der Innenhöfe noch nicht berücksichtigt ist. Heute stellt es lediglich 2,41% und gehört damit zusammen mit den halböffentlichen Räumen (von fast 12% auf knapp 4%) zu den großen Verlierern der Nutzungsumverteilung. Ebenso gingen Gastronomie und Wohnen stark zurück, während der Handel - ein lediglich vermeintlicher Großnutzer - mit 3,75 % bzw. aktuell 4,10 % relativ unverändert geblieben ist.


VCÖ-Magazin: Lassen sich aus diesen Veränderungen auch Aussagen zur Mobilität machen?

Angelika Psenner: Die gewichtigste Nutzung des Stadtparterres stellt heute jedenfalls das Auto dar, nahezu ein Drittel der Gesamtfläche (24,71% im ö.R & 6,35% im überbauten Raum) wird derzeit für die alleinige Verwendung durch Fahrzeuge freigestellt - 1910 erreichte der für Fahrwerke reserviert Raum (Stallungen, Parken im ö.R. und exklusive Nutzung der Fahrspur) nicht einmal die 1%-Marke (0,01% & 0,51%).
Aus dieser Perspektive erklärt sich Leerstand und Unternutzung von städtischem Raum nicht ausschließlich aus ökosozialen Kausalitäten, sondern auch als Sekundärfolge der beschriebenen Nutzugsverschiebung zugunsten privater (Luxus)Güter Einzelner und der Lagerung derselben - was im Übrigen nichts mit der Sicherstellung von Mobilität zu tun hat. Dementsprechend erklärt sich der dringende Bedarf nach einer sinnzusammenhängenden, systemischen Regelung, oder, um es plakativer zu formulieren: nach der Restitution von öffentlichem Raum. Denn die Einführung der NS-StVO 1938 enteignete das, allen zur Verwendung zustehende Allgemeingut Straßenraum und führte große Teile des Stadtparterres einer erlesenen Schar von Fahrzeugbesitzer*innen zu.

1 Die Zahlen beziehen sich auf das Gesamt-Stadtparterre im ausgewählten Forschungsbereich, einem ein km langen Straßenzug in Nebenlage inklusive angrenzender gründerzeitlicher Bebauung und Innenhöfe. Betrachtungszeitraum: 1910-2020

Schlagworte:
Stadtparterre / Wien / öffentlicher Raum / Mobilität / ruhender Verkehr


Elektronische Version der Publikation:
https://publik.tuwien.ac.at/files/publik_297925.pdf


Erstellt aus der Publikationsdatenbank der Technischen Universitšt Wien.